Zeitzeugen im Gespräch

„Der europäische Gedanke hatte für uns nach dem Zweiten Weltkrieg eine fast erlösende Wirkung“

Eigentlich ist die Geschichte der Europäischen Integration ja eine Erfolgsgeschichte. Niemals zuvor hat es in Europa ein größeres Maß an Frieden, Freiheit und Wohlstand gegeben als seit dem Inkrafttreten der Römischen Verträge im Januar 1958, mit denen die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft EWG als Kernstück der späteren EU ins Leben gerufen wurde.

Trotz der bisherigen Erfolge ist aber in vielen Mitgliedsstaaten Unbehagen über das Projekt „Europa“ zu spüren. Im Zeitzeugengespräch des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen zum Thema „50 Jahre seit Inkrafttreten der Römischen Verträge – quo vadis, Europa?“ sprach Altbundespräsident Richard von Weizsäcker am 19. November 2008 in Bad Nauheim über die historischen Grundlagen der EU, die wachsenden Einflussmöglichkeiten der Europäer in der Nach-Bush-Ära und das Grundgemurre über Brüssel. Für Richard von Weizsäcker standen am Anfang des geeinten Europas das Ende des verheerenden Zweiten Weltkriegs und der Wunsch nach einem dauerhaften Frieden: „Nach 1945 war für uns Westdeutsche klar, dass wir uns mit unseren europäischen Nachbarn und ehemaligen Kriegsgegnern zusammensetzen und einen Weg zueinander finden müssen. Insbesondere mit Frankreich war eine schnelle Verständigung möglich. Der europäische Gedanke, der sich aus dieser Aussöhnung ergab, hatte damals für uns fast eine erlösende Wirkung.“ Obwohl sich die jüngere Generation schon längst an den Frieden in Europa gewöhnt habe, bilde der Friedensgedanke auch heute noch die Basis für den Erfolg und die weitere Entwicklung der Europäischen Union: „Wir müssen uns immer wieder darauf besinnen, dass sich der europäische Gedanke von Anfang an auf die Überwindung der schrecklichen Vergangenheit und des Kriegs bezogen hat“, hob von Weizsäcker im Zeitzeugengespräch mit dem Journalisten Jan Roß („ DIE ZEIT“) hervor.

Nach dem Inkrafttreten der Römischen Verträge und der Gründung der EWG habe Europa gerade unter wirtschaftlichen Aspekten Erfolgsgeschichte geschrieben und auf andere Länder eine große Anziehungskraft ausgeübt. Die Zahl der Mitgliedsstaaten sei relativ schnell von den sechs Gründungsmitgliedern Deutschland, Frankreich, Italien und den Beneluxländern auf heute 27 angewachsen. Diese rasante Entwicklung sei auf der einen Seite natürlich sehr erfreulich. Auf der anderen Seite erschwere die große Zahl der Mitglieder nun aber die Entscheidungsfindung. „Die Geschichte hat uns gezeigt, dass die Idee der Erweiterung im Konflikt mit der Herstellung einer wirklichen Handlungsfähigkeit steht“, fasste der ehemalige Bundespräsident die bisherige Entwicklung der EU zusammen. Es sei deshalb auch kein Zufall, dass die EU gerade in außen- und sicherheitspolitischen Fragen oft keine einheitliche Linie finde und das Bemühen um einen gemeinsamen europäischen Verfassungsvertrag bislang gescheitert sei. Von Weizsäcker machte allerdings deutlich, dass er „das Grundgemurre über Brüssel höchstens für halbrichtig“ halte.

Der Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen führt die Veranstaltung „Zeitzeugen im Gespräch” seit 1981 durch. Neben Richard von Weizsäcker fungierten in den vergangenen Jahren Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft wie Lech Walesa, Ernst Benda und Altbundeskanzler Helmut Schmidt als „Zeitzeugen“.

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